Filmkritik: The Master

P.T. Andersons erster “Flop”

6 von 10 Punkten

USA, in den 1950er Jahren: Der Intellektuelle Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) beschließt nach dem Zweiten Weltkrieg, eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen. Sein treuester Jünger Freddie Sutton (Joaquin Phoenix), ein schwerkranker Alkoholiker und Veteran, leidet unter den Folgen des Kriegs. Er folgt Dodd überall hin, verteidigt die Thesen seines Meisters und sieht in dem charismatischen Sektenführer Dodd eine schillernde Leitfigur, die ihm Hoffnung gibt. Doch mit der Zeit kommen Freddie erste Zweifel. Beide Männer brauchen einander, reiben sich aneinander…

Kritik: P.T. Anderson hängt durch. Sein Coming-Of-Crisis-Drama mit zart verdecktem Scientology-Hintergrund überzeugt nur bedingt. Die Sets, die majestätischen Breitwandeinstellungen und nicht zuletzt die herausragende Schauspielriege machen aus „The Master“ sehenswertes Kino. Das ist famos gespielt, visuell formidabel und fühlt sich doch unrund an. Das ambivalente Porträt eines charismatischen Führers und seines gepeinigten Jüngers lässt eine faszinierende oder gar packende Geschichte vermissen. Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman müssen mit ihrer schauspielerischer Großleistung das mäßige Skript bis über die Ziellinie schleppen. Das klappt zwar einigermaßen, macht aus „The Master“ aber noch lange keine Glanzstunde des Kinos, sondern bloß eine brillant gespielt Charakterstudie, die narrativ über zwei Stunden auf der Stelle tritt.

Was bleibt sind Erzählfragmente und Einstellungen, die dem Auge Freude bereiten. Dass wir alle das Leben meistern müssen, auch einmal unseren Nachbarn, Freund oder Feind beneiden und gerne an seiner Stelle wären, kennt die Menschheit zur Genüge. Von einer Hausnummer wie Anderson hätte man sich indes etwas mehr inhaltliche Tiefe, statt nimmermüder Leinwand-Duelle der beiden Protagonisten gewünscht, die am Ende nicht der Geschichte, sondern dem Ego der Darsteller und ihrem Trophäen-Schrank dienen werden. So steht fest: Der Autor Anderson kann nicht mit dem wie immer großartig aufgelegten Regisseur Anderson mithalten. Bilder überrennen die Geschichte. Wie Ausnahme-Filmemacher faszinierende Szenen und eine runde Geschichte in Einklang bringen, haben die Coen-Brüder mit dem artverwandten „Barton Fink“ bereits beeindruckend bewiesen. Und P.T. Anderson natürlich auch. Better Luck Next Time.
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Deutscher Kinostart: 21. Februar 2013
Originaltitel: The Master
Produktionsjahr: 2012
Regie: Peter Thomas Anderson
Drehbuch: Peter Thomas Anderson
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Senator/Central

Filmkritik: Celeste & Jesse Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Nervig hippe Dümpel-Romanze

4 von 10 Punkten

Celeste (Rashida Jones) und Jesse (Andy Samberg) sind ein modernes Ex-Ehepaar. Trotz Trennung leben sie noch immer Tür an Tür, sind über das Tun und Lassen des anderen stets informiert und verbringen fast jede freie Minute miteinander. Die Beiden verstehen sich so gut, dass selbst ihre besten Freunde den innigen Umgang der beiden „offiziell Getrennten“ nicht mehr ertragen können. Als deshalb die erfolgreiche und selbstbewusste Celeste den mal wieder arbeitslosen und wenig zielstrebigen Jesse um die Scheidung bittet, beginnen die Schwierigkeiten: Jesse, der Celeste immer noch liebt, will keinen endgültigen Schlussstrich ziehen. Doch auch Celeste merkt mit der Zeit, dass sie Jesse nicht wirklich gehen lassen will – schon gar nicht mit einer neuen Frau an seiner Seite.

Kritik: Sie lieben sich, sie streiten sich, sie trennen sich, sie lieben sich… Diese gewollt abgeklärt und aufgesetzt realistische Neo-Romcom bemüht sich um Abstand zum romantischen Kitsch-Kino á la Nora Ephron und Richard Curtis. Regisseur Lee Toland Krieger präsentiert zwei Joga-Mittdreißiger aus Los Angeles mit Nerdbrille, die ständig fluffige Indie-Mucke hören und nicht miteinander können aber auch nicht voneinander getrennt sein wollen. Das Problem: Dieser wehleidige Krampf will krampfhaft anders sein, nicht als Fließbandromanze abgestempelt werden und gerät trotzem weder witzig noch berührend.

Denn das Drehbuch von Rashida Jones und Will McCormack ist immens schwach. Die simple Rechnung: 2 Schauspieler schreiben 1 Skript geht nicht auf. Dabei sind Jones und ihr Schauspielpartner Andy Samberg eigentlich brillante Komödianten und grundsympatische Typen. In „Celeste & Jessy“ beweisen sie jedoch das Gegenteil. Dieser beliebige Käse über episch coole Yuppies von der Westküste und deren 2.0-Hipster-Szene ist eine enttäuschende Dümpel-Romanze, die uns Normalsterbliche in ihrer schlichten Einfältigkeit schlichtweg zermürbt. Dann doch lieber zum x-ten Mal “Annie Hall” schauen.

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Deutscher Kinostart: 14. Februar 2013
Originaltitel: Celeste & Jesse Forever
Produktionsjahr: 2012
Regie: Lee Toland Krieger
Drehbuch: Rashida Jones, Will McCormack
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: DCM Film Distribution

Filmkritik: Parker

Lausige Schnarch-Action

2,5 von 10 Punkten

Parker (Jason Statham) ist ein Meisterdieb und Killer. Dank Hurley (Nick Nolte), dem Vater seiner Freundin, erhält Parker einen neuen Auftrag. Zusammen mit anderen Verbrechern erbeutet er eine Menge Geld, wird allerdings nach Vollendung des Auftrags um seinen Anteil gebracht und beinahe getötet. Jetzt will sich Parker rächen. Er nimmt Verfolgung auf, spürt die Betrüger in Palm Beach, Florida auf. Dort planen die „Ex-Kollegen“ bereits einen weiteren Millionen-schweren Coup. Zusammen mit der Immobilienmaklerin Leslie (Jennifer Lopez) nimmt Parkers Racheplan konkrete Züge an…

Kritik: Mensch, war das langweilig! Jason Statham rächt sich bei seinen Ex-Arbeitskollegen und schäkert mit Jennifer Lopez. Fast zwei Stunden lang verfolgt der Kinogänger die lahmarschige Hatz, die im schönen Palm Beach endet. Völlig lieblos und scheinbar uninteressiert hat der Routinier Taylor Hackford („Ein Offizier und Gentleman“, „Ray“) diesen Möchtergern-Thriller auf – vielleicht unbewusst – altbacken getrimmt. Inklusive nerviger Rückblenden. Was anfangs nostalgisch anmutet und 80er Jahre-Feeling versprüht, verkommt zu einem drögen Action-Schnarcher, der zudem mit Jason Statham absolut fehlbesetzt ist.

Seine Figur soll ein charmanter, wenn auch raubeiniger Macho sein. Das kann Statham nicht. Er funktioniert vielleicht bestens als Stallones stichwortgebender Sidekick oder als wortkarger Dauerprügler mit Sixpack in diversen Video-Weltpremieren. Wenn er aber allein den Film zu tragen hat, der hier sogar – anders als in anderen seiner Filme üblich – eine Art Handlung bietet und seine Figur eine gewisse Ambivalenz aufweist, dann wird es für den netten Kerl richtig schwer. Und Hilfe bekommt der überforderte Hauptdarsteller auch nicht. Denn die Produzenten stellen Statham auch noch die hysterische Tanzmaus Jennifer Lopez an die Seite. Und so herrscht leider sehr oft gemütliche Laientheater-Stimmung. Besonders übel: Selbst der mittlerweile ziemlich abgehalfterte Nick Nolte, der in „Parker“ ab und an durchs Bild schlurft, hier fast schon mitleiderregend fertig aussieht, und mit Statham wenige Zeilen wechseln darf, spielt das an Minenspiel leider begrenzte Muskelpaket immer noch an die Wand. Und am Rande für alle Action-Geier: Wenige Szenen, brutal und blutig. Kurz gesagt: „Parker“, das war nix.

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Deutscher Kinostart: 7. Februar 2013
Originaltitel: Parker
Produktionsjahr: 2013
Regie: Taylor Hackford
Drehbuch: John J. McLaughlin, basierend auf dem Buch von Donald E. Westlake
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Constantin Film

Filmkritik: The Impossible

Die Tsunami-Katastrophe als Kinofilm – wer’s braucht

5 von 10 Punkten

Henry und Maria kommen am 24. Dezember 2004 mit ihren drei Söhnen in Khao Lak in ihrem Urlaubshotel an. Am übernächsten Tag wird die Familie, die sich am Pool des Hotels aufhält, vom Tsunami erfasst. Maria, Henry und die Kinder werden getrennt. Die schwer verletzte Maria und Lucas, der älteste Sohn, treiben zusammen im Wasser, laufen zusammen durch die Trümmer und finden Daniel, der ebenfalls von seinen Eltern getrennt wurde, und nehmen ihn mit auf einen Baum, auf dem sie sich vor weiteren Wellen in Sicherheit bringen wollen. Die drei werden von Thailändern gefunden, die Lucas und die verletzte Maria in ein Krankenhaus bringen. Henry befindet sich zusammen mit seinen Söhnen Thomas und Simon in den Trümmern des Hotels; er vertraut die beiden Fremden an, um selbst weiter nach seiner Frau und dem anderen Sohn zu suchen.

Kritik: Wir kennen noch alle die Bilder der schrecklichen Tsunami-Katastrophe aus dem Jahr 2004. Neun Jahre später kommt nun Juan Antonio Bayona („Das Waisenhaus“) mit der cineastischen Aufarbeitung daher. Erzählt wird die berührende Geschichte einer Familie, die den Natur-Terror hautnah miterlebte. Und dieses Bio-Drama wird nach gewohnten Maßstäben chronologisch abgearbeitet: Urlaubsparadies wird genossen, Flutwelle kommt, aus dem Paradies wird die Hölle, die Familie wird zerrissen – findet sie auch wieder zusammen?

„The Impossible“ ist mitunter ergreifend und bedrückend aber auch überaus zwiespältig. Das viele Leid, die Not, die Toten, die Kranken. Der Kinogänger verkommt zum Gefühlsspanner, die Tragödie zur Emotionsmaschine. Das ist zwar alles mit dem nötigen Respekt inszeniert, viele Überlebende der Tragödie dürfen als Statisten fungieren. Der Kinogänger bekommt die Bilder, die man aus den Nachrichtensendungen kennt noch einmal serviert – aber diesmal nicht so doof grobkörnig und darüber hinaus noch mit einer persönlichen Geschichte. Also, ich brauche das nicht. Die Thematik ist schrecklich, macht betroffen und ruft eigentlich nach einem stillen Dokumentarfilm, nicht nach 30 Millionen Dollar teurem Betroffenheitskino mit Superstars wie Ewan McGregor, Naomi Watts, süßen Kinderdarstellern und lärmenden Sound-Effekten.
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Deutscher Kinostart: 31. Januar 2013
Originaltitel: The Impossible
Produktionsjahr: 2012
Regie: Juan Antonio Bayona
Drehbuch: Sergio G. Sanchéz
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Concorde

Filmkritik: Frankenweenie

Überraschend charmanter Gruseler von Tim Burton

8 von 10 Punkten

Victor und sein Hund Sparky sind die besten Freunde und unzertrennlich – bis Victor seinen geliebten Vierbeiner durch einen Unfall verliert. Inspiriert durch seinen Naturwissenschaftslehrer Mr. Rzykruski und dessen Versuche, kommt Victor eine bahnbrechende Idee: Durch die Macht der experimentellen Wissenschaft holt er Sparky zurück ins Leben – ganz in Frankenstein Manier, aber mit einigen kleinen Besonderheiten. Seine selbst geschaffene Kreation versucht er anschließend zu Hause zu verstecken, doch Sparky büchst aus und wird von Victors Mitschülern entdeckt. Begeistert von der Idee ihre geliebten Haustiere wieder lebendig zu machen, erlebt bald die gesamte Stadt die monströsen ihrer unglaublichen Experimente.

Kritik: Das ist schön gruselig. Das ist nostalgisch. Das hat Herz. Das Merkwürdige daran? Der Film „Frankenweenie“ stammt von Tim Burton. Dem mittlerweile zum Goth-Fließbandfilmer verdammten Regisseur. Er kann es also noch. Wie Burton hier dem Genre huldigt, ist vorbildhaft. Die Animationen dienen der Geschichte, sehen schnieke aus und verkommen endlich einmal nicht nicht zum Selbstzweck. Die 50-Jahre-Utopia-Welt, das Twlight Zone“-Gefühl – alles sehr stimmig.

Dann schäkert Burton noch mit den Motiven der Aufklärung inklusive Hexenjagd, bietet genügend Insider-Gags, die noch nicht ausgelutscht sind, zitiert Filmgeschichte und gruselt die Kinogänger auf sehr liebevolle Weise. Und einen epischeren – wenn auch sehr kurzen – Monster-Clash gab es seit Jahren nicht mehr auf der großen Leinwand zu sehen. So lässt sich schlussfolgern: Burton, verzichte einfach öfter auf den ollen Schmink-Depp und schon gelingen dir wieder wunderschöne Kleinode, die jedes Fan-Herz höher schlagen lassen. Überraschung gelungen. Außerdem will ich jetzt auch so einen duften Hund wie Sparky!
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Deutscher Kinostart: 24. Januar 2013
Originaltitel: Frankenweenie
Produktionsjahr: 2012
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Leonard Ripps
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Walt Disney Studios

Filmkritik: Flight

Robert Zemeckis’ schlappe Luftnummer

5,5 von 10 Punkten

An einem Herbstmorgen verlässt SouthJet 227 Orlando, hebt zu einem Routineflug ab. Captain Whip Whitaker (Denzel Washington) steuert die Maschine gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Ersten Offizier Ken Evans (Brian Geraghty). Während eines schweren Sturms gerät das Flugzeug in Turbulenzen. Die Piloten haben mit einer Serie von technischen Problemen zu kämpfen. Schließlich kippt die Maschine in den Sturzflug, der Kapitän scheint die Kontrolle verloren zu haben. Whips letzte Chance: eine Rolle über die Flügel – so ließe sich das 50-Tonnen-Ungetüm kopfüber ohne Antrieb segeln, bis sich ein Chance zur Landung ergibt. Ihm bleiben nur noch Minuten, jeder Flughafen ist außer Reichweite, da findet Whip einen Streifen Land neben einer Kirche. Er dreht die Maschine und setzt auf. Der Aufprall ist gewaltig, aber dank Whip verlieren nur sechs Menschen an Bord ihr Leben. Für dieses Manöver wird Whip in den Medien als Held gefeiert. Aber einige Fragen bleiben offen. Die Ursache des Crashs ist weder seinen Vorgesetzten noch der Luftfahrtbehörde vollkommen klar.

Kritik: Zwölf Jahre nach „Cast Away“ setzt Robert Zemeckis wieder auf echte Schauspieler und widmet sich mit John Gatins doch recht klapprigem Drehbuch dem persönlichen Drama eines amerikanischen Antihelden. Bei „Flight“ sollten Kinogänger wissen, dass hier die große Denzel Washington-Show gefeiert wird. Das Hoffen und Bangen mit dem ewig strauchelnden Protagonisten und die Schuldfrage in einem korrupten System werden thematisiert. Am Ende geht es um banale Grundfragen nach wie Verantwortung oder Verleugnung – Ethik im ganz großen Hollywood-Gewand. Ob man dafür aber über zwei Stunden benötigt, bleibt offen. Denn Zemeckis liefert Routine-Ware. Der Altmeister inszeniert einfallslos, Emotionen werden mit den Greatest Hits der Rolling Stones erzeugt, die durchaus berechenbare Dramatik wirkt sehr geleckt.

Auch das gewollt ambivalente Verhältnis zwischen Washington und dem Kinozuschauer will nicht so 100-prozentig gelingen. Bis der Film seine wahre Geschichte gefunden hat, dauert es ewig, unnötige Haken werden geschlagen. „Flight“ schielt schamlos auf die Oscars, bietet hervorragend gespieltes Hochglanz-Kino, kann als Gesamtpaket weder packen, noch fesseln. Für einen großartigen Regisseur wie Robert Zemeckis ist „Flight“ eine doch recht dürftige Nummer geworden, die nie richtig abhebt, sondern am Ende regelrecht abstürzt.
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Deutscher Kinostart: 24. Januar 2013
Originaltitel: Flight
Produktionsjahr: 2012
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: John Gatins
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Studiocanal

Filmkritik: House At The End Of The Street

Alfred Hitchcock für die 2.0-Generation

6 von 10 Punkten

Die frisch geschiedene Sarah (Elisabeth Shue) und ihre Tochter Elissa (Jennifer Lawrence) finden in einem ländlichen Ort das Haus ihrer Träume. Als unerklärliche Ereignisse zu geschehen beginnen, erfahren Sarah und Elissa ein Geheimnis: Im Nachbarhaus tötete Jahre zuvor eine Tochter ihre Eltern und verschwand – ihr Bruder Ryan überlebte als Einziger. Gegen den Willen ihrer Mutter beginnt Elissa eine Beziehung mit dem zurückgezogen lebenden Ryan – und je näher sie einander kommen, desto schlittert Elissa in ein mörderisches Szenario.

Kritik: Mark Tonderais Film wildert ordentlich bei Alfred Hitchcock. Die Geschichte des „Terminator 3“-Regisseurs, Jonathan Mostow, presst eine erfolgreiche Produktion des Altmeisters aus den 1960er Jahren in einen zeitgemäßen Rahmen um zahlungswillige Teenager ins Kino zu locken. Die Thriller-Hausmannskost mit Horroranleihen – erwähnenswert ist der Schuss „Carrie“ – wird dazu noch äußerst gewagt in eine wildromantischen Romanze im schmierigen „Twilight“-Gewand gehüllt. Selbstverständlich dürfen in dieser blutarmen Mär auch die üblichen Wachrüttel-Schockmomente – größtenteils durch nerviges Lautstärke-Aufdrehen erzeugt – nicht fehlen.

Dieser nette, kurzweilige, doppelbödige Thrill eignet sich bestens für Heranwachsende, die vom Spannungskino des Altmeisters namens Hitchcock noch nie etwas gehört haben. Bis auf den etwas bräsigen Run-And-Hide-Showdown ist „House At The End Of The Street“ ein anständiger Low-Budget-Thriller – für Genre-Fans empfehlenswert. Das ist sicherlich nur eine Kinorandnotiz, die schnell vergessen ist aber eins zeigt: Die wandelbare Jennifer Lawrence macht sich auch als Scream-Queen gut.
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Deutscher Kinostart: 17. Januar 2013
Originaltitel: House At The End Of The Street
Produktionsjahr: 2012
Regie: Mark Tonderai
Drehbuch: David Loucka, nach einer Geschichte von Jonathan Mostow
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Universum/Squareone/Walt Disney

Der Geschmack von Rost und Knochen

Langatmiges Krüppel-Drama aus Frankreich

5,5 von 10 Punkten

Ali (Matthias Schoenaerts) findet sich mit einem fünf Jahre alten Kind in seiner Obhut wieder. Sam ist sein Sohn, doch er kennt ihn kaum. Ohne Geld und Freunde sucht Ali Zuflucht bei seiner Schwester Anna (Corinne Masiero) an der Côte d‘Azur. Sie bringt die beiden in ihrer Garage unter. Als ein Streit in einem Nachtclub, in dem Ali als Türsteher arbeitet, außer Kontrolle gerät, macht er die Bekanntschaft von Stéphanie (Marion Cotillard). Stephanie trainiert Killerwale im Marineland. Als eine ihrer Shows in einer Tragödie endet, bringt sie ein nächtlicher Anruf erneut zusammen. Stephanie hat ihre Beine verloren und etliche Illusionen. Ali beginnt ihr zu helfen, auf seine Art und ganz ohne Mitleid.

Kritik: Die erste Enttäuschung des neuen Kinojahres! Suggerierte der zweifelsohne geniale Trailer noch ein dramatisches Bombast-Drama, versinkt die international fragwürdigerweise abgefeierte rührselige Romanze in voller Länge alsbald in schlichter Nüchternheit. Regisseur und Autor Jaques Audiard hat mit „Der wilde Schlag meines Herzens“ und „Der Prophet“ bisher Großartiges geleistet. Doch sein aktuelles Werk mit einer arg konstruierten Geschichte fällt hinten ab. Audiard verzichtet diesmal auf triefende Emotionen und inszeniert schnörkel- wie auch weitgehend gefühllos.

Damit tut er seiner Schmalspurgeschichte über einen körperlichen Krüppel und einen Gefühlskrüppel beileibe keinen Gefallen. Beim Zuschauer kommt zu keiner Zeit Mitgefühl noch Interesse an den Figuren auf. Die Leiden der Liebenden wirken aufgesetzt – auch das routinierte Spiel von Marion Cotillard und des recht properen Matthias Schoenaerts richten da wenig aus. Audiards linearische Verliererballade ist nicht der erwartete cineastische Schlag in die Magengrube á la „Schmetterling und Taucherglocke“, sondern bietet blöderweise nur zwei Stunden lang mittelmäßiges Gefühlskino voll aufgeblasener Dramatik.
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Deutscher Kinostart: 10. Januar 2013
Originaltitel: De rouille et d’os
Produktionsjahr: 2012
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain
Text: Arne Hübner
Bild und Verleih: Wild Bunch/Central